Gute-Laune-Quatsch auf Social Media: Warum er gerade überall ist – und was er wirklich über uns verrät

Du scrollst kurz durch Instagram Reels, TikTok oder YouTube Shorts – und zack: Lächeln, Affirmationen, „Du musst nur positiv denken“, Manifestation, Dankbarkeit, Morgenroutinen, dazu ein perfekter Sonnenaufgang und ein Song, der klingt wie „alles wird gut“. Und ja: Manchmal tut das gut. Aber oft fühlt es sich an wie Zuckerguss auf einer Welt, die gerade nicht nach Zuckerguss schmeckt.

Viele nennen das mittlerweile „Gute-Laune-Quatsch“. Nicht weil gute Laune schlecht wäre – sondern weil diese Art von Dauer-Positivität häufig übergriffig, unecht oder zu simpel wirkt. Wenn dich das nervt, bist du nicht „zu negativ“. Du bist wahrscheinlich einfach zu wach für ein System, das Komplexität nicht gut aushält.

In diesem Artikel schauen wir uns an, warum dieser Trend gerade so massiv auftaucht, was er psychologisch und kulturell bedeutet – und welche eigentliche Frage hinter deinem Genervtsein steckt.


Warum dieser „Gute-Laune-Quatsch“ gerade überall auftaucht

1) Algorithmische Logik: Positives performt besser (und Reibung performt am besten)

Social-Media-Plattformen belohnen keine Wahrheit, keine Tiefe und keine Fairness – sie belohnen Aufmerksamkeit. Und Aufmerksamkeit entsteht besonders zuverlässig durch Inhalte, die:

  • schnell verstanden werden (in 1–2 Sekunden),
  • eine klare Emotion auslösen,
  • keine Vorbildung brauchen,
  • „sharebar“ sind („schick ich schnell weiter“),
  • und idealerweise kurz entlasten.

Gute-Laune-Content funktioniert dafür hervorragend. Er ist leicht konsumierbar, erzeugt ein „kurz besser fühlen“ und führt dich oft direkt zum nächsten Clip. Selbst wenn du innerlich die Augen verdrehst: Du bleibst trotzdem hängen. Und genau das zählt.

Dazu kommt: Positivität hat meist eine „weiche“ Oberfläche. Weniger Streit, weniger Kommentare mit Gegenargumenten – aber mehr Likes, mehr Saves, mehr „omg needed this“. Das kann algorithmisch ein Vorteil sein. Und wenn der Algorithmus merkt: Das hält Leute auf der Plattform, dann wird es – vereinfacht gesagt – stärker ausgespielt.

Kurz gesagt: Es taucht überall auf, weil es im System „funktioniert“.


2) Psychologische Flucht: Wenn die Welt zu laut ist, werden Simple-Messages zur Rettungsinsel

Wir leben in einem Dauerfeuer aus News, Krisen, Druck, Vergleich, Erreichbarkeit. Viele Menschen sind mental erschöpft, ohne es klar benennen zu können. In so einem Zustand wirkt „Gute Laune“ wie ein psychologisches Schmerzmittel: nicht heilend, aber kurzfristig entlastend.

  • Das Gehirn liebt einfache Antworten, wenn es überlastet ist.
  • Das Nervensystem sucht Sicherheit – und Sicherheit wird oft mit Kontrolle verwechselt.
  • Positivitäts-Formeln vermitteln Kontrolle: Wenn ich nur richtig denke, wird es gut.

Das ist verständlich. Und manchmal hilfreich. Das Problem beginnt dort, wo aus „Hilfreich“ ein „Muss“ wird.

Denn dann entsteht unterschwellig:
„Wenn du traurig, wütend oder erschöpft bist, machst du etwas falsch.“
Und das kann sehr verletzend sein – besonders für Menschen, die gerade realen Verlust, Krankheit, Überforderung oder existenzielle Themen tragen.


3) Kommerzielle Interessen: Gute Laune ist ein Geschäftsmodell

Gute-Laune-Content ist nicht nur Trend – er ist auch ein Markt.

Er verkauft sich, weil er:

  • möglichst viele Menschen anspricht,
  • kaum aneckt,
  • ein „Problem“ benennt („du bist nicht happy genug“),
  • und eine Lösung anbietet („ich zeig dir wie“).

Daraus entstehen Produkte und Funnel: Coaching-Programme, Journals, Challenges, Memberships, Kurse, Supplement-Werbung, Affiliate-Links, Retreats, „High-Vibe“-Merch. Oft ist das nicht mal bösartig – es ist einfach Marketinglogik: Wenn du dich unvollständig fühlst, kaufst du eher.

Und je kommerzieller ein Thema wird, desto größer ist die Versuchung, es zu vereinfachen. Denn Einfachheit skaliert besser als Wahrheit.


4) Emotionaler Kontrast: Je mehr Drama im Feed, desto stärker wirkt der Gegenpol

Social Media ist häufig ein Wechselbad:
Katastrophen-News, politische Wut, Skandale, Ragebait, Körper-Vergleich, Beziehungsdramen – und dazwischen: „Smile! Life is beautiful!“

Das erzeugt einen harten Kontrast, und Kontrast zieht Aufmerksamkeit. Manche Accounts sind deshalb bewusst „das helle Gegengewicht“. Das kann sich wie Erleichterung anfühlen – bis es kippt und wie Verdrängung wirkt.

Ein typisches Beispiel: Du siehst einen Clip über Krankheit, Krieg, Verlust – und das nächste Video ist:
„Wenn du heute nicht strahlst, entscheidest du dich für die falsche Realität.“

Das ist nicht nur nervig. Es kann sich wie eine emotionale Ohrfeige anfühlen.


5) Social-Media-Kultur: Oberflächlichkeit als Standard (und Tiefe als Risiko)

Tiefe ist langsam. Social Media ist schnell.

Tiefe bedeutet oft:

  • Widersprüche aushalten,
  • Ambivalenz zulassen,
  • Kontext erklären,
  • Gefühle nebeneinander stehen lassen („ich hoffe“ und „ich habe Angst“),
  • keine klare Pointe liefern.

Das ist für Plattformlogik schwierig. Denn die Plattform fragt nicht: Ist das stimmig?
Sie fragt: Bleibst du dran?

Dazu kommt die Kultur der Selbstinszenierung: Viele posten Positivität nicht nur als Message, sondern als Statussymbol:
„Schau, ich hab mein Leben im Griff. Ich bin über den Dingen. Ich bin ‚high vibe‘.“

Und je mehr Menschen das tun, desto mehr wird es zur Norm. Wer nicht mitlächelt, wirkt im Vergleich „schwer“, „anstrengend“ oder „problematisch“. Genau das macht die Sache so toxisch: Nicht die gute Laune – sondern die soziale Erwartung, dass man sie zeigen muss.


Warum dich das nervt (und warum das völlig gesund ist)

Dein Genervtsein ist oft ein Signal für etwas sehr Gesundes: dein Realitätssinn.

1) Weil du spürst, wenn etwas „überdeckt“ statt „begleitet“

Echte Unterstützung klingt anders als ein Slogan.
Echte Unterstützung sagt eher:
„Das ist gerade schwer. Und du musst da nicht allein durch.“

„Gute-Laune-Quatsch“ klingt häufig so:
„Denk einfach anders, dann ist es nicht schwer.“

Und wenn du das durchschaust, reagierst du zurecht allergisch. Nicht, weil du Hoffnung hasst – sondern weil du Ehrlichkeit brauchst.

2) Weil deine Gefühle nicht „wegoptimiert“ werden wollen

Gefühle sind nicht nur Störungen. Sie sind Informationen.

  • Wut zeigt Grenzen.
  • Trauer zeigt Bedeutung.
  • Angst zeigt Unsicherheit.
  • Erschöpfung zeigt Überlastung.

Wenn dir der Feed ständig sagt „weg damit“, entsteht innerlich Widerstand. Und dieser Widerstand ist sinnvoll.

3) Weil du merkst: Das ist oft kein Mitgefühl, sondern Performance

Viele Positivity-Clips fühlen sich an wie eine Bühne:
„Schau, wie gut ich drauf bin.“
Und du sitzt davor und denkst: Ok – und was ist mit dem echten Leben?

Das Nervige ist also nicht „Gute Laune“, sondern die Lücke zwischen Darstellung und Realität.

4) Weil dein Gehirn Kontraste nicht ewig aushält

Wenn du zwischen Extrem-Negativität (Ragebait) und Extrem-Positivität (Good-Vibes-Zwang) hin- und hergeschubst wirst, wird dein Nervensystem unruhig. Du fühlst dich nicht stabiler – du fühlst dich manipuliert.

Dann entsteht dieses Gefühl: Alles ist entweder Drama oder Zuckerwatte. Nichts ist normal.

5) Weil du spürst, dass hier ein stiller Schuldmechanismus läuft

Ein besonders unangenehmer Nebeneffekt von Positivitätskultur: Sie kann Schuld erzeugen.

Wenn „gute Energie“ die Lösung sein soll, dann klingt das schnell so, als wären Menschen selbst schuld, wenn es ihnen schlecht geht. Das ist gefährlich – vor allem bei schweren Themen.

Und hier müssen wir ehrlich sein: Gerade bei ernsthaften Erkrankungen wie Krebs kann diese Logik extrem belastend wirken. Wenn Betroffene (oder Angehörige) unbewusst vermittelt bekommen: „Du musst nur positiv sein“, kann das zusätzlichen Druck erzeugen – obwohl die Realität komplex ist, medizinische Begleitung braucht und niemand Gefühle „richtig“ machen muss.

Hoffnung kann helfen. Aber Hoffnung ist kein Ersatz für Realität, Diagnostik, Therapie, Unterstützung und Zeit.


Die eigentliche Frage dahinter: Was stört dich wirklich?

Meist ist es nicht „Gute Laune“. Es ist etwas Tieferes.

1) „Darf das Leben gerade schwierig sein – ohne dass ich es sofort wegmachen muss?“

Viele Menschen haben gelernt: Schweres ist peinlich. Schweres ist unattraktiv. Schweres ist privat.

Social Media verstärkt das: „Zeig die besten Sekunden, nicht die ehrlichsten.“

Wenn du genervt bist, stellst du innerlich vielleicht diese Frage:
„Darf ich echt sein, ohne mich zu erklären?“

2) „Wer hält Widersprüche aus – und wer braucht, dass alles schön aussieht?“

Widersprüche sind normal:
Du kannst dankbar sein und trotzdem müde.
Du kannst Hoffnung haben und trotzdem Angst.
Du kannst funktionieren und trotzdem innerlich kämpfen.

„Gute-Laune-Quatsch“ wirkt oft so, als dürften Widersprüche nicht existieren. Und dein Nerv reagiert, weil du weißt: Doch. Tun sie.

3) „Geht es hier um mich – oder darum, dass ich eine Rolle spiele?“

Viele Good-Vibes-Botschaften sind nicht an dich gerichtet, sondern an den Algorithmus. An Reichweite. An Branding.

Dein Genervtsein kann auch eine Art Selbstschutz sein:
„Ich will nicht Teil eines Spiels sein, das meine Gefühle in Engagement verwandelt.“

4) „Suche ich Trost – oder suche ich Wahrheit?“

Manchmal willst du Trost. Manchmal willst du Klarheit. Manchmal willst du beides.

Das Problem: Viele Positivity-Formate liefern Trost ohne Wahrheit. Oder Wahrheit ohne Trost.
Die Mischung ist selten – aber genau die wäre heilsam:
„Ja, es ist hart. Und trotzdem gibt es Wege.“


Was du stattdessen tun kannst (ohne zum Griesgram zu werden)

1) Unterscheide zwischen „echter Hoffnung“ und „Positivitäts-Pflicht“

Echte Hoffnung erkennt Schmerz an.
Pflicht-Positivität überspringt ihn.

Ein einfacher Test:
Fühlt sich der Content nach dem Anschauen weiter an (mehr Luft, mehr Mitgefühl)?
Oder enger (mehr Druck, mehr Schuld, mehr „ich muss“)?

2) Kuratiere nicht nur Themen – kuratiere Tonalität

Nicht „weniger News“ oder „mehr Good Vibes“, sondern: mehr Nuance.

Folge Menschen, die sagen können:

  • „Ich struggle“ und „Ich mach weiter“,
  • „Ich bin traurig“ und „Ich bin nicht allein“,
  • „Das ist komplex“ ohne dramatisch zu werden.

3) Gib deinem Nervensystem echte Entlastung, nicht nur Feed-Entlastung

Manchmal ist das Bedürfnis hinter dem Scrollen einfach: Ich bin überfordert.
Dann helfen Dinge, die nicht performen müssen:

  • kurzer Spaziergang,
  • Atmen ohne Ziel,
  • Musik, die dich reguliert,
  • ein echtes Gespräch,
  • Schlaf (ja, banal – aber massiv).

Und wenn du den Begriff magst: Man kann das auch als eine Art „Resonanz-Hygiene“ sehen. Nicht alles, was laut ist, ist stimmig. Nicht alles, was strahlt, passt zu deiner inneren Frequenz. Dein Genervtsein ist dann kein Problem – sondern ein Hinweis: Das hier schwingt nicht mit mir.


Fazit: Dein Genervtsein ist kein Fehler – es ist ein Zeichen von Reife

„Gute-Laune-Quatsch“ ist gerade überall, weil er algorithmisch begünstigt wird, psychologisch entlastet, kommerziell verwertbar ist, als Kontrast funktioniert und in eine Kultur passt, die Eindeutigkeit liebt.

Dass dich das nervt, ist gesund, weil du spürst:

  • Echtheit ist wichtiger als Performance.
  • Gefühle sind Informationen, keine Störungen.
  • Komplexität lässt sich nicht weglächeln.

Und die eigentliche Frage dahinter lautet vielleicht:
„Wie bleibe ich menschlich – in einem System, das mich lieber glatt, schnell und gut gelaunt hätte?“

Wenn du willst, kann ich dir daraus auch eine zweite Version machen:

  • als kürzere, schärfere Kolumne (mehr Punchlines),
  • oder als SEO-optimierten WordPress-Artikel mit Meta-Description, Keywords, Zwischenüberschriften für Snippets und klaren CTAs.

Hinweis/Disclaimer: Frequenztherapie ist schulmedizinisch nicht anerkannt und ersetzt keine Behandlung durch Ärzt:innen oder Heilpraktiker:innen.

Author: NLS Informationsmedizin GmbH – Herbert Eder

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Herbert Eder

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