Elektrische & magnetische Felder (EMF) und Krebs: Was wir wissen – und was nicht

Einleitung: Warum das Thema EMF so emotional ist

Elektrische und magnetische Felder (EMF) entstehen überall dort, wo Strom erzeugt, transportiert oder genutzt wird – also praktisch überall im Alltag. Genau diese Allgegenwart ist einer der Gründe, warum das Thema seit Jahrzehnten kontrovers diskutiert wird. Bereits in den späten 1970ern haben erste epidemiologische Hinweise die Debatte losgetreten; seither gab es unzählige Studien, Reviews und Expertengremien – aber keine „eine“ Antwort, die alle zufriedenstellt.

Wichtig: Die wissenschaftliche Diskussion dreht sich vor allem um extrem niederfrequente Felder (ELF, typischerweise 50 Hz in Europa) – also um Felder, wie sie bei Stromnetzen und vielen Geräten auftreten. Handyfunk ist ein anderes Thema (höhere Frequenzen), wird aber oft in einen Topf geworfen.


Was sind EMF eigentlich – und wo begegnen sie uns?

  • Elektrische Felder entstehen, wenn Spannung anliegt (auch ohne dass Strom fließt).
  • Magnetische Felder entstehen, wenn Strom fließt (z. B. bei eingeschaltetem Gerät, Leitungen, Motoren).

Typische Quellen:

  • Hausinstallation, Verteilerkästen, Netzteile
  • Haushaltsgeräte (v. a. mit Motor/Trafo)
  • Bahn/Tram (je nach System)
  • Hochspannungsleitungen/Umspannwerke
  • Berufliche Exposition in Elektro- und Energieberufen

Der Kern der Kontroverse: Was sagen die Studien zur Krebsfrage?

1) Epidemiologie: kleine Effekte, schwierig zu interpretieren

Die Fallstudie von Kheifets et al. beschreibt ein zentrales Problem: Wenn überhaupt ein Zusammenhang existiert, sind die relativen Risiken meist klein, und viele Studien haben nicht genug statistische Power. Zusätzlich schwanken Ergebnisse je nach Methode der Expositionsabschätzung (z. B. Messungen vs. „Wire Codes“).

Ein Punkt, der in der Debatte immer wieder auftaucht:

  • Bei kindlicher Leukämie zeigen manche Studien positive Assoziationen, andere nicht.
  • Bei Erwachsenen wurde (je nach Setting) auch zu Brustkrebs, Leukämie oder Hirntumoren geforscht, oft mit Fokus auf berufliche Exposition.

2) „Wire Codes“ vs. Messung: warum die Ergebnisse auseinanderlaufen

Viele frühe Studien nutzten sogenannte Wire Codes (eine Art Klassifikation der Stromleitungs-Konfiguration in Wohnnähe) als Surrogat für Magnetfeldbelastung. Spätere Studien setzten stärker auf Spot-Messungen oder 24h-Messungen. Die Fallstudie betont, dass diese Vielfalt die Vergleichbarkeit erschwert und bessere, integrierte Expositionsmodelle nötig wären.


Biologische Mechanismen: „Wie“ sollte EMF überhaupt Krebs auslösen?

Hier wird es knifflig: Ein stabiler, allgemein akzeptierter Mechanismus fehlt bis heute.

Die Fallstudie fasst zusammen:

  • Tierstudien waren „largely negative“.
  • In-vitro-Studien zeigen teils biologische Reaktionen, sind aber oft schwer zu replizieren.
  • Und besonders wichtig: EMF „initiieren“ keine klassischen Schritte der Kanzerogenese wie DNA-Schädigung (wie man es z. B. bei ionisierender Strahlung kennt).

Hypothesen existieren dennoch – z. B. die Melatonin-Hypothese (v. a. in Bezug auf Brustkrebs) – aber das ist keine gesicherte Kausalkette.


Was sagen Expertengremien & Bewertungen (aktuelle Einordnung)

IARC: „möglicherweise krebserregend“ (Group 2B)

Die IARC/WHO-Monographien haben extrem niederfrequente Magnetfelder bereits 2001 als „possibly carcinogenic to humans (Group 2B)” bewertet – hauptsächlich wegen epidemiologischer Befunde zur kindlichen Leukämie.

WHO: große Risikoabschätzung (EHC 238)

Die WHO hat mit den Environmental Health Criteria (EHC 238) eine umfassende Bewertung vorgelegt (sehr umfangreiches Werk), die genau diese Evidenzlage und Forschungslücken beschreibt.

Expositionsleitlinien (ICNIRP)

Für Grenz- bzw. Referenzwerte im Alltag sind oft ICNIRP-Leitlinien maßgeblich; ICNIRP hat Low-Frequency Guidelines (u. a. für 50 Hz) publiziert, die primär auf akute Effekte (Nerven-/Muskelstimulation) ausgelegt sind.
Hinweis: In Europa gibt es zusätzlich politische Empfehlungen/Umsetzungen (z. B. EU-Empfehlungen), die sich je nach Land unterscheiden können.


„Prudent Avoidance“: die pragmatische Mitte

Weil die Beweislage nicht so eindeutig ist, dass man „Gefahr bewiesen“ sagen könnte – aber auch nicht so eindeutig, dass das Thema komplett verschwindet –, hat sich in vielen Ländern/Behörden eine pragmatische Haltung etabliert: Prudent Avoidance.

In der Fallstudie wird „prudent avoidance“ sinngemäß beschrieben als:

  • Schritte, um Menschen aus Feldern herauszuhalten (z. B. Umplanung/Umleitung, Design elektrischer Systeme),
  • aber nur solche Maßnahmen, die moderat kosten.

Das ist wichtig: Prudent avoidance ist kein Panik-Konzept – eher „vernünftig vorsorgen, ohne verrückt zu werden“.


Praktische Maßnahmen im Alltag (ohne Drama, aber mit Sinn)

Hier ein Set an „low effort / low cost“-Schritten, die oft in die Logik der prudent avoidance passen:

Zuhause

  • Abstand wirkt: Bei vielen Quellen fällt die Magnetfeldstärke mit zunehmendem Abstand deutlich ab.
  • Netzteile/Transformatoren nicht direkt am Kopfende platzieren (z. B. Radiowecker/Netzteil am Bett).
  • Verlängerungskabel/Mehrfachstecker nicht dauerhaft direkt unter dem Bett/Arbeitsplatz „verlegen“.
  • Geräte, die du nicht nutzt: aus (nicht Standby), wenn es ohnehin deinem Komfort/Verbrauch entspricht.

Schlafplatz & Kinderzimmer

  • Wenn du optimieren willst: Schlafplatz eher dort, wo wenig Elektroinstallationen/Verteilerkästen unmittelbar dahinter sind.
  • Keine „High-Tech“-Maßnahmen ohne Anlass – zuerst einfach prüfen (z. B. Positionen im Raum testen).

Wenn du in Leitungsnähe wohnst

  • Nicht automatisch umziehen. Sinnvoller ist:
    1. Seriös messen lassen (oder zumindest korrekt messen),
    2. Werte einordnen (Grenz-/Referenzwerte, typische Hintergrundwerte),
    3. dann erst entscheiden.

Warum die Debatte so hitzig bleibt (und was man daraus lernen kann)

Die Fallstudie beschreibt EMF als Paradebeispiel dafür, wie Wissenschaft, Medien und Politik ineinandergreifen: hohe öffentliche Sorge, widersprüchliche Headlines, unterschiedliche Interpretationen von Expertengremien – und ein Thema, das schwer „final“ zu schließen ist.

Außerdem: In der Epidemiologie gilt oft „absence of evidence ist nicht evidence of absence“ – und gleichzeitig können sehr kleine Effekte schwer beweisbar sein, aber gesellschaftlich relevant werden, wenn eine Exposition extrem verbreitet ist.


Exkurs: Frequenzen, Gesundheit und Krebs – sauber unterscheiden

Viele Menschen verknüpfen „Felder“ und „Frequenzen“ automatisch mit therapeutischen Konzepten. Wichtig ist hier die Trennlinie:

  • Umwelt-EMF (z. B. 50 Hz) = unbeabsichtigte Exposition aus Infrastruktur/Alltagsstrom.
  • Therapeutische Frequenzansätze = gezielte Anwendung mit anderem Kontext, anderer Dosierung, anderer Zielsetzung.

Das wird im öffentlichen Diskurs oft vermischt. Für eine sachliche Diskussion lohnt es sich, diese beiden Welten getrennt zu betrachten.


FAQ

„Sind EMF jetzt gefährlich – ja oder nein?“

Die seriöse Kurzfassung: Es gibt seit Jahrzehnten uneinheitliche epidemiologische Hinweise, besonders bei kindlicher Leukämie, aber keinen klaren Mechanismus und insgesamt schwierige Datenlage. Electric_and_Magnetic_Fields_an… Gleichzeitig stuft die IARC ELF-Magnetfelder als „möglicherweise krebserregend“ (2B) ein.

„Bringt Messen überhaupt was?“

Ja – wenn richtig gemessen wird (Messgerät geeignet, Messdauer/Ort sinnvoll). Die Forschung zeigt, dass die Expositionsabschätzung einer der kritischsten Punkte ist.

„Handy = EMF = gleiches Thema?“

Nicht wirklich. Handys arbeiten im Radiofrequenzbereich (viel höhere Frequenzen) – die hier diskutierten Stromnetzfelder sind ELF. In der Fallstudie wird erwähnt, dass sich die öffentliche Sorge später auch auf Mobiltelefone ausgedehnt hat, aber das sind unterschiedliche Expositionsarten.


Fazit: Vernünftig bleiben – aber nicht ignorant

EMF ist kein Thema für Panik, aber auch keines, das man nur mit „alles Quatsch“ abräumen sollte. Die bestmögliche Haltung für viele Menschen ist:

  • Informiert,
  • pragmatisch,
  • kostenarm optimierend (prudent avoidance),
  • und dabei offen dafür, dass Wissenschaft manchmal eben graue Zonen hat.

Quellen & Weiterführendes

  • Kheifets et al. (2001): Überblick und Fallstudie zur EMF-Krebs-Kontroverse, inkl. Mechanismen, Studiendesign- und Politik-Aspekten. Electric_and_Magnetic_Fields_an…
  • IARC: ELF-Magnetfelder als „possibly carcinogenic“ (Group 2B) – Einordnung und Updates.
  • WHO: Environmental Health Criteria 238 (ELF Fields) – umfassende Risikoabschätzung.
  • ICNIRP: Leitlinien für niederfrequente Felder (Low Frequency).

Disclaimer

Dieser Beitrag dient der Information und ersetzt keine medizinische Beratung oder Diagnose. Frequenztherapie ist schulmedizinisch nicht anerkannt und kann keine Therapie mit ausgebildeten Ärzten oder Heilpraktikern ersetzen.

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Herbert Eder

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