Norbert Treutweins Buch „Übersäuerung – Krank ohne Grund“ stellt den Säure-Basen-Haushalt ins Zentrum eines Gesundheitsprogramms. Die Heyne-Taschenbuchausgabe von 2019 umfasst 256 Seiten und wird mit einem vierwöchigen Programm angeboten. Laut Buchbeschreibung sollen Änderungen der Ernährung und Lebensweise Beschwerden bessern, die mit einer gestörten Säure-Basen-Balance in Verbindung gebracht werden. [1]
Diese Besprechung prüft die öffentlich beschriebenen Grundgedanken anhand medizinischer Quellen. Grundlage sind zugängliche Buchangaben und Passagen der Verlagsleseprobe, keine behauptete vollständige Lektüre aller Kapitel. Das Urteil bezieht sich deshalb vor allem auf die zentrale Erklärung von Krankheit und die Frage, welche praktischen Schlussfolgerungen Sie daraus ziehen sollten.
Welchen Anspruch erhebt das Buch?
In der zugänglichen Verlagsleseprobe wird ein sehr weiter Zusammenhang zwischen Übersäuerung und unterschiedlichen Erkrankungen hergestellt. Genannt werden unter anderem Migräne, Rheuma, Krebs und Diabetes. Die dort vertretene Vorstellung geht damit deutlich über die Empfehlung hinaus, mehr Gemüse zu essen. Sie bietet ein übergreifendes Erklärungsmodell für medizinisch sehr verschiedene Probleme. Genau dieser Anspruch verdient eine strengere Prüfung als ein einzelner Rezeptvorschlag. [2]
Die veröffentlichte Autoreninformation beschreibt Treutwein als Journalisten mit Schwerpunkt Wissenschaft und Gesundheit sowie als früheren Chefredakteur medizinischer Fachzeitschriften. Eine journalistische Darstellung kann verständlich und anregend sein. Ob eine medizinische Behauptung zutrifft, entscheidet sich jedoch an ihren Belegen und nicht allein am beruflichen Hintergrund eines Autors. [1]
Als Leser können Sie deshalb zwei Fragen getrennt stellen: Ist ein praktischer Vorschlag für mich hilfreich? Und ist die Erklärung, mit der er begründet wird, ausreichend belegt? Es ist möglich, eine Anregung zur besseren Planung von Mahlzeiten zu übernehmen und gleichzeitig die dahinterstehende Krankheitstheorie abzulehnen. Sie müssen ein Gesundheitsbuch nicht entweder vollständig glauben oder vollständig verwerfen.
Was der Säure-Basen-Haushalt medizinisch bedeutet
Der Körper reguliert seinen Säure-Basen-Haushalt über chemische Puffersysteme, die Atmung und die Nieren. Der pH-Wert des arteriellen Blutes liegt normalerweise in einem engen Bereich um 7,35 bis 7,45. Wird diese Regulation durch Erkrankungen gestört, kann eine medizinisch relevante Azidose entstehen. Dabei sind beispielsweise Störungen der Atmung, der Nierenfunktion oder des Stoffwechsels mögliche Ursachen. Zur Beurteilung gehören geeignete Blutuntersuchungen und die Suche nach der zugrunde liegenden Erkrankung. [3]
Eine solche Störung ist etwas anderes als eine unspezifische Sammelbezeichnung für Müdigkeit, schlechte Laune oder Beschwerden nach bestimmten Mahlzeiten. Entscheidend ist, welcher Bereich des Körpers untersucht wird, welcher Messwert tatsächlich abweicht und warum. Der allgemeine Ausdruck Übersäuerung beantwortet diese Fragen noch nicht. Eine belastbare Diagnose braucht mehr als eine Liste alltäglicher Symptome oder die Feststellung, dass jemand häufig Fleisch isst. [3]
Warum der Harn-pH keine umfassende Diagnose liefert
Der pH-Wert im Harn kann sich durch Ernährung, Medikamente und bestimmte Erkrankungen verändern. Eine Messung kann bei konkreten Fragen sinnvoll sein, beispielsweise im Zusammenhang mit Nierensteinen oder Störungen der Säureausscheidung. Sie misst aber zunächst den Harn und nicht den Säuregrad des gesamten Körpers. Ein einzelnes Testergebnis muss daher im jeweiligen medizinischen Zusammenhang interpretiert werden. [4]
Das österreichische Gesundheitsportal erklärt ausdrücklich, dass saurer Harn keine allgemeine Übersäuerung des Blutes beweist. Bei gesunden Menschen halten die Regulationsmechanismen den Blut-pH weitgehend konstant. Für die Annahme, eine übliche Ernährung verursache eine solche allgemeine Übersäuerung, und für einen daraus abgeleiteten Nutzen des Basenfastens fehlen entsprechende wissenschaftliche Belege. [5]
Für die Bewertung eines Ratgebers folgt daraus eine konkrete Frage: Wird zwischen einem leicht verfügbaren Messwert und der behaupteten Krankheit unterschieden? Ein Test kann eine Zahl liefern, ohne damit die gewünschte Erklärung zu bestätigen. Ebenso beweist ein veränderter Teststreifen nach einem Produkt nicht automatisch, dass sich Ihre Gesundheit verbessert hat. Entscheidend bleibt, was genau gemessen wurde und welchen Nutzen die Veränderung hat.
Ein plausibler Zusammenhang ist noch kein Ursachebeweis
Wenn zwei Dinge gleichzeitig auftreten, kann eines das andere verursachen. Es kann aber auch umgekehrt sein, oder beide können auf eine dritte Ursache zurückgehen. Diese Möglichkeiten lassen sich nicht durch die bloße Aufzählung gemeinsamer Beobachtungen unterscheiden. Besonders vorsichtig sollten Sie werden, wenn sehr unterschiedliche Erkrankungen auf einen einzigen Mechanismus zurückgeführt werden, ohne für jede Erkrankung belastbare Untersuchungen zu nennen.
Auch Erfahrungsberichte beantworten die Ursachenfrage nicht allein. Stellen Sie sich vor, jemand kocht häufiger selbst, schläft mehr, nimmt weniger Alkohol zu sich und beginnt gleichzeitig ein Basenprogramm. Wenn sich die Person danach besser fühlt, bleibt offen, welcher Anteil der Veränderungen dazu beigetragen hat. Zur Prüfung eines speziellen Wirkversprechens braucht man geeignete Vergleiche. Die persönliche Erfahrung kann wertvoll sein, ersetzt diesen Vergleich aber nicht.
Was an einer Ernährungsumstellung dennoch sinnvoll sein kann
Gemüse, Obst und Hülsenfrüchte liefern verschiedene Nährstoffe; Hülsenfrüchte tragen zudem zur Eiweißversorgung bei, erläutert das österreichische Gesundheitsportal. [6]
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung beurteilt Entgiftungsdiäten kritisch. Es fehlen klare Nachweise für die versprochene Reinigung; häufig bleibt bereits unbestimmt, welche Stoffe überhaupt entfernt werden sollen. Zugleich bewertet sie einen höheren Gemüse- und Obstverzehr grundsätzlich positiv. Diese Unterscheidung ist für die Buchlektüre hilfreich: Eine sinnvolle Lebensmittelwahl bestätigt nicht automatisch die damit verbundene Entgiftungs- oder Entsäuerungserklärung. [7]
Praktisch können Sie beispielsweise zuerst eine zusätzliche Gemüsebeilage einplanen oder eine Mahlzeit mit Bohnen, Linsen oder Kichererbsen ausprobieren. Prüfen Sie, ob das Gericht schmeckt, satt macht und in Ihren Tagesablauf passt. Für ein solches Vorhaben brauchen Sie weder einen täglichen Harn-pH-Plan noch eine lange Liste angeblich verbotener Lebensmittel. Die Veränderung lässt sich direkt an Ihrer tatsächlichen Ernährung beurteilen.
Die wichtige Ausnahme: echte Stoffwechselstörungen bei Nierenerkrankungen
Die Kritik an pauschalen Entsäuerungsprogrammen bedeutet nicht, dass Ernährung und Säurebelastung medizinisch niemals zusammenhängen. Bei chronischer Nierenerkrankung kann die Säureausscheidung eingeschränkt sein. Die National Kidney Foundation beschreibt angepasste Ernährung und gegebenenfalls Medikamente als mögliche Bestandteile der Behandlung einer metabolischen Azidose. Dabei müssen unter anderem Nierenfunktion und Kaliumwerte berücksichtigt werden. Ein solches Vorgehen braucht ärztliche Betreuung und passende Ernährungsberatung. [8]
Deshalb ist auch die Gegenbehauptung zu einfach, Basenpräparate seien grundsätzlich immer unnötig. Entscheidend sind Diagnose, Präparat, Dosis und Kontrolle. Natrium- oder kaliumhaltige Produkte sollten bei Nierenerkrankungen nicht nach einem allgemeinen Selbsthilfeprogramm eingenommen werden. Die medizinisch begründete Behandlung einer festgestellten Störung lässt sich nicht auf gesunde Menschen übertragen, die sich nach einem stressigen Tag müde fühlen. [8]
Bei schweren Erkrankungen reicht eine allgemeine Ernährungstheorie nicht
Gerade bei Krebs müssen praktische Ernährungshilfen und Heilversprechen klar auseinandergehalten werden. Der Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums weist darauf hin, dass spezielle Krebsdiäten keine nachgewiesene Heilung ermöglichen. Wichtig sind eine ausreichende Versorgung und die Vermeidung von Mangelernährung. Welche Ernährung geeignet ist, hängt von Erkrankung, Behandlung und Beschwerden ab. Eine belastende Therapie durch eine vermeintlich ursächliche Entsäuerung zu ersetzen, wäre daraus keine vertretbare Schlussfolgerung. [9]
Der gleiche Maßstab sollte für jedes Gesundheitsbuch gelten: Wie spezifisch ist die Empfehlung? Welche Untersuchung stützt sie? Für welche Menschen wurde sie geprüft? Gibt es Angaben zu Grenzen und unerwünschten Wirkungen? Wenn diese Fragen offenbleiben, sollten Sie keine weitreichenden Behandlungsentscheidungen aus einer überzeugend formulierten allgemeinen Theorie ableiten. Ein leicht verständliches Modell kann Orientierung bieten und dennoch medizinisch unzureichend sein.
Ungeklärte Beschwerden verdienen eine sorgfältige Abklärung
Müdigkeit ist ein reales und ernst zu nehmendes Symptom. Die Patienteninformation der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin empfiehlt, belastende oder nicht erklärbare Erschöpfung in der Hausarztpraxis anzusprechen. Dabei zählen Lebensumstände, körperliche und seelische Beschwerden sowie sämtliche eingenommenen Medikamente zur Beurteilung. Der Weg zur passenden Erklärung kann mehr Zeit brauchen als ein gewöhnlicher Akuttermin. Das rechtfertigt eine gründliche Untersuchung statt einer vorschnellen Sammeldiagnose. [10]
Bereiten Sie dafür eine kurze Übersicht vor: Seit wann bestehen die Beschwerden? Was hat sich verändert? Welche Situationen verschlechtern oder bessern sie? Welche Mittel nehmen Sie ein? Nehmen Sie auch konkrete Buchaussagen mit, die Sie überzeugen oder verunsichern. Ein gutes Beratungsgespräch darf diese Fragen aufnehmen, ohne Ihre Beobachtungen abzuwerten und ohne jede vorgeschlagene Erklärung ungeprüft zu übernehmen.
Akute schwere Symptome gehören hingegen nicht in ein längerfristiges Selbsthilfeexperiment. Starker Durst, häufiges Wasserlassen, Erbrechen, auffällig tiefe Atmung oder zunehmende Benommenheit können insbesondere bei Diabetes auf eine Ketoazidose hinweisen. Dieser Zustand braucht dringende Krankenhausbehandlung. Bei solchen Beschwerden sollten Sie sofort medizinische Hilfe organisieren, statt auf eine Ernährungsumstellung oder ein Basenbad zu warten. [11]
Wie ich den Ratgeber einordne
Meine Bewertung der zugänglichen Grundthesen fällt deshalb zurückhaltend aus: Als Erklärung für sehr verschiedene Erkrankungen ist die pauschale Übersäuerungsidee keine ausreichend belastbare Grundlage. Wer sich mit dem Buch beschäftigt, sollte praktische Vorschläge jeweils unabhängig von dieser Theorie prüfen. Über Rezepte, Sprache und Aufbau nicht eingesehener Kapitel lässt sich aus den verfügbaren Informationen kein seriöses Gesamturteil ableiten.
Eine hilfreiche Lektüre lässt Sie am Ende genauer fragen: Was ist meine konkrete Beschwerde? Welche Erklärung wurde überprüft? Welcher nächste Schritt ist für mich begründet? Gute Selbstfürsorge braucht keine universelle Krankheitsursache. Sie darf aus überschaubaren, gut begründeten Entscheidungen bestehen und zugleich Raum für weitere medizinische Klärung lassen.
Sources and Further Information
- Buchangaben und veröffentlichte Autoreninformation: Norbert Treutwein, Heyne2019, ISBN9783453605282. Retrieved October 28, 2026.
- Penguin Random House: öffentlich zugängliche Verlagsleseprobe zu Norbert Treutweins Übersäuerungsratgeber. Retrieved October 28, 2026.
- gesund.bund.de: Azidose. Retrieved October 28, 2026.
- MedlinePlus: Urine pH Test. Retrieved October 28, 2026.
- Gesundheitsportal Österreich: Fasten – Abschnitt Basenfasten. Retrieved October 28, 2026.
- Austrian Health Portal: Vegetables, Fruits, and Legumes. Retrieved October 28, 2026.
- Deutsche Gesellschaft für Ernährung: Entgiftungsdiäten. Retrieved October 28, 2026.
- National Kidney Foundation: Metabolic Acidosis. Retrieved October 28, 2026.
- Deutsches Krebsforschungszentrum, Krebsinformationsdienst: Ernährung bei Krebs. Retrieved October 28, 2026.
- DEGAM: Patienteninformation Müdigkeit, zur S3-Leitlinie053-002. Retrieved October 28, 2026.
- NHS: Diabetic ketoacidosis. Retrieved October 28, 2026.




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