Redaktionell überarbeitet: 30. Oktober 2026
Mikroalgen können auf veränderte Kulturbedingungen reagieren. Ich, Herbert Eder, betrachte die bioelementologische Forschung deshalb als Frage nach Organismus, Umgebung und messbarem Ergebnis. Mehr Biomasse oder ein höherer Elementgehalt ist dabei nicht automatisch ein besseres Lebensmittel und ebenso wenig ein Beleg für Frequenztherapie beim Menschen.
Der Begriff bioelementologische Sicht lenkt den Blick auf chemische Elemente in lebenden Systemen und auf Einflüsse ihrer Umgebung. Tambiev und Skalny entwickelten diesen Zusammenhang 2012 in einem Buchkapitel über elektromagnetische Strahlung und Leben. Ein Schwerpunkt waren photosynthetische Organismen und mögliche biotechnologische Anwendungen. Das Kapitel verbindet eigene Forschungsberichte mit weiterführenden Hypothesen; es ist keine klinische Leitlinie zur Behandlung von Menschen. [1]
Die Grundfrage ist durchaus anregend: Lässt sich die Zusammensetzung einer biologischen Kultur durch kontrollierte physikalische Bedingungen verändern? Für eine verständliche Antwort muss man jedoch präzise bleiben. Mehr Wachstum, ein höherer Anteil eines Elements und ein gesundheitlicher Vorteil beim Verzehr sind unterschiedliche Ergebnisse. Zwischen ihnen liegen zusätzliche Untersuchungen, die nicht durch das Wort Bioelement ersetzt werden können.
Elektromagnetische Umgebung ist kein einheitlicher Einfluss
Die NASA beschreibt das elektromagnetische Spektrum als breiten Bereich von Radiowellen bis zu Gammastrahlung. Die Erdatmosphäre lässt verschiedene Bereiche unterschiedlich gut passieren und absorbiert andere. Sichtbares Licht ist nur ein Teil dieses Spektrums. Deshalb darf der allgemeine Hinweis, das Leben stehe unter dem Einfluss elektromagnetischer Energie, nicht so verstanden werden, als wirkten sämtliche Frequenzen auf dieselbe Weise. [2]
Ein sinnvoller Vergleich beginnt mit der konkreten Exposition. Handelt es sich um sichtbares Licht, um Millimeterwellen oder um ein statisches Magnetfeld? Welche Stärke und welche Dauer werden untersucht? Die gemeinsame Einordnung als physikalischer Einfluss reicht nicht aus, um Ergebnisse zwischen diesen Situationen zu übertragen. Gerade eine integrative Betrachtung braucht diese Unterschiede, damit sie Zusammenhänge sichtbar macht und nicht verschiedene Vorgänge unbemerkt vermischt.
Was die frühe Forschung an Spirulina berichtete
Tambiev und Kirikova berichteten 2000 über Einflüsse extrem hochfrequenter Strahlung auf Spirulina platensis und andere photosynthetische Organismen. Die veröffentlichte Zusammenfassung nennt Veränderungen von Wachstum und physiologischer Aktivität und diskutiert die Rolle von Sauerstoff bei möglichen Mechanismen. Diese Angaben beziehen sich auf Kultursysteme. Sie belegen weder eine universelle Stimulation aller Lebewesen noch eine therapeutische Wirkung einer entsprechenden Exposition beim Menschen. [3]
Für eine Kulturstudie ist wichtig, wie Wachstum bestimmt wurde. Wird die Zellzahl gezählt, die Trockenmasse gewogen oder eine optische Messung verwendet? Eine veränderte Farbe kann eine andere Bedeutung haben als eine tatsächlich größere Biomasse. Auch der Zeitpunkt der Messung zählt: Ein früher Wachstumsvorsprung muss nicht bis zur Ernte bestehen bleiben. Solche Einzelheiten entscheiden darüber, was eine angebliche Steigerung praktisch bedeutet.
Ein späterer Versuch zeigt die Bedeutung der Kulturbedingungen
Eine 2020 veröffentlichte Untersuchung an Parachlorella kessleri betrachtete elektromagnetische Bestrahlung bei 51,8 und 53 Gigahertz. Die Ergebnisse unterschieden sich nach den Kulturbedingungen: Unter aeroben Bedingungen berichteten die Forschenden über höhere Wachstumsraten und Pigmentgehalte, unter anaeroben Bedingungen über Hemmung von Wachstum und Wasserstoffausbeute. Das ist ein konkretes Beispiel dafür, dass dieselbe Art physikalischer Einwirkung je nach Umgebung unterschiedliche Folgen haben kann. [4]
Daraus lässt sich keine einfache Regel ableiten, wonach eine bestimmte Frequenz grundsätzlich gut oder schlecht sei. Die Forschungsfrage betrifft ein Zusammenspiel aus Organismus, Medium, Stoffwechselbedingungen und Exposition. Wer nur die Frequenzzahl aus der Arbeit übernimmt, verliert genau diesen Zusammenhang. Eine sinnvolle Weiterentwicklung würde deshalb zunächst untersuchen, unter welchen Bedingungen ein beobachteter Effekt zuverlässig auftritt und wann er verschwindet oder seine Richtung ändert.
Magnetfeldversuche sind ein eigenes Untersuchungsfeld
Deamici und Mitautoren verglichen Spirulina-Kulturen unter Innen- und Außenbedingungen und untersuchten dabei ein Magnetfeld sowie verschiedene Expositionszeiten. In bestimmten Außenversuchen fanden sie Veränderungen von Biomasse, Chlorophyll und Proteinprofil. Der Verbrauch von Stickstoff und Phosphor nahm durch die Magnetfeldanwendung dagegen nicht entsprechend zu. Die Arbeit beschreibt somit mehrere, nicht gleichgerichtete Messgrößen und ausdrücklich unterschiedliche Umgebungsbedingungen. [5]
Diese Studie kann als weiterer biotechnologischer Ansatz interessant sein. Sie ist aber kein Ersatzbeleg für Millimeterwellen: Ein statisches Magnetfeld und eine hochfrequente elektromagnetische Exposition sind verschiedene Versuchsbedingungen. Der Vergleich sollte daher auf der Ebene der Forschungsfragen erfolgen, nicht durch Gleichsetzung der Geräte. Gemeinsam ist ihnen die Frage, ob ein genau beschriebener physikalischer Faktor eine Kultur unter definierten Bedingungen beeinflusst.
Elementanreicherung kann unterschiedliche Zwecke haben
Shao und Mitautoren untersuchten 2018 Spirulina-Wachstum und die Entfernung von Cadmiumionen aus einem Kulturmedium unter Einwirkung eines statischen Magnetfelds. Die Arbeit berichtet unter bestimmten Bedingungen über eine höhere Biomasseproduktion und verbesserte Cadmiumentfernung. Ihr Gegenstand war damit auch ein umwelttechnisches Problem. Eine Biomasse, die zur Bindung eines unerwünschten Stoffes eingesetzt wird, ist nicht allein deshalb ein besseres Lebensmittel. [6]
Dieses Beispiel macht eine wichtige Unterscheidung anschaulich. Wenn ein Element aus dem Wasser verschwindet, muss geklärt werden, wohin es gelangt. Wurde es an der Oberfläche gebunden, in Zellen aufgenommen oder in eine andere Verbindung überführt? Je nach Ziel kann das Ergebnis nützlich sein, erfordert aber einen passenden Umgang mit der entstandenen Biomasse. Der Begriff Anreicherung beschreibt zunächst eine Veränderung der Verteilung, noch keine ernährungsphysiologische Aufwertung.
Mehr Spurenelemente sind nicht automatisch günstiger
Tambiev und Skalny diskutieren in ihrem Kapitel veränderte Elementprofile von Cyanobakterien und die Möglichkeit, Biomasse mit bestimmten Spurenelementen anzureichern. Sie leiten daraus Perspektiven für die Photobiotechnologie ab. Diese Perspektive betrifft zunächst die Herstellung und Zusammensetzung eines Produkts. Ob ein daraus erzeugtes Lebensmittel für Menschen sinnvoll ist, muss anhand seiner tatsächlichen Inhaltsstoffe und seiner Verwendung geprüft werden. [1]
Am Beispiel Selen zeigt die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit, dass auch ein benötigter Nährstoff bei übermäßiger Aufnahme unerwünschte Wirkungen haben kann. Ihre Neubewertung von 2023 leitete deshalb eine obere tolerierbare Aufnahmemenge ab. Diese ist keine Zielzufuhr. Für ein angereichertes Produkt sind somit nicht nur möglichst hohe Gehalte interessant, sondern auch der Bedarf, die Gesamtaufnahme und die Sicherheit der vorgesehenen Verwendung. [7]
Ein Etikett mit dem Wort bioelementologisch beantwortet diese Fragen nicht. Für eine sachliche Bewertung wären die Menge pro Portion, die chemische Form und die verlässliche Zusammensetzung verschiedener Chargen relevant. Außerdem müsste deutlich sein, ob ein behaupteter Nutzen tatsächlich am fertigen Produkt untersucht wurde. Eine interessante Produktionsmethode und ein nützliches Lebensmittel sind miteinander verbunden, aber nicht identisch.
Bioverfügbarkeit benötigt eigene Untersuchungen
Das Max Rubner-Institut untersuchte in seinem Microalgae-Projekt Nährstoffverfügbarkeit und Sicherheitsfragen bei Chlorella vulgaris und Phaeodactylum tricornutum. Dazu gehörten Verdauungsmodelle, Zellkulturen und Tierversuche. Das Institut beschreibt ein ernährungsphysiologisches Potenzial, betont aber ausdrücklich, dass mögliche Vorteile in weiteren Studien am Menschen belegt werden müssen. Das Projekt prüfte keine allgemeine medizinische Wirkung elektromagnetisch behandelter Algenprodukte. [8]
Diese Vorgehensweise verdeutlicht den Weg von einer Zusammensetzungsanalyse zu einer Nutzenbewertung. Zunächst muss bekannt sein, was im Produkt enthalten ist. Danach stellt sich die Frage, was davon unter den vorgesehenen Bedingungen verfügbar wird. Erst anschließend lässt sich untersuchen, ob eine relevante Funktion verbessert wird. Ein hoher Messwert im Ausgangsmaterial überspringt diese Schritte nicht und genügt für sich allein nicht als Gesundheitsversprechen.
Leistung, Energie und Dauer sauber benennen
Das US-Metrologieinstitut NIST definiert Watt als Einheit der Leistung, entsprechend einem Joule pro Sekunde. Die Formulierung Watt pro Sekunde bezeichnet daher nicht einfach eine Energiemenge. Für die Beschreibung einer Exposition müssen Leistung beziehungsweise Leistungsdichte und Zeit sinnvoll voneinander unterschieden werden. Eine falsche Einheit kann den Eindruck großer Genauigkeit vermitteln, obwohl die Aussage physikalisch unklar bleibt. [9]
Auch pauschale Angaben über einen vielfach angestiegenen elektromagnetischen Hintergrund sind ohne Bezugsgröße nicht interpretierbar. Welcher Frequenzbereich wurde gemessen, an welchen Orten und in welchem Zeitraum? Ist ein Mittelwert oder eine kurzzeitige Spitze gemeint? Wurde dieselbe Messmethode verwendet? Ohne solche Angaben kann eine sehr große Zahl weder eine konkrete Belastung noch eine gesundheitliche Wirkung quantifizieren. Solche Steigerungsangaben benötigen deshalb nachvollziehbare Messdaten.
Was ein behauptetes Wassergedächtnis erklären müsste
Mit einer Erinnerung des Wassers an frühere physikalische Einwirkungen wird zudem ein weitergehendes Konzept behauptet. Als Erklärung ist dieser Ausdruck zu ungenau. Welche Eigenschaft soll gespeichert sein, wie lange soll sie bestehen und wie wird sie unabhängig gemessen? Schon eine veränderte Temperatur oder Zusammensetzung wäre ein anderer Sachverhalt als ein dauerhaft gespeichertes, später therapeutisch übertragbares Frequenzmuster.
Ein überzeugender Versuch müsste gewöhnliche Unterschiede der Proben kontrollieren und eine klar vorhergesagte Veränderung nachweisen. Wenn nur nachträglich jede Abweichung als Erinnerung bezeichnet wird, bleibt die Erklärung unbestimmt. Für die Bewertung der Algenforschung ist ein solches weitreichendes Konzept auch nicht erforderlich: Messbare Veränderungen in Wachstum und Zusammensetzung können zunächst beschrieben und auf konkrete Ursachen geprüft werden, ohne ihnen eine zusätzliche Informationslehre zuzuschreiben.
Die interessante Perspektive bleibt eine überprüfbare Frage
Eine bioelementologische Betrachtung kann dazu anregen, Organismen und Umweltbedingungen gemeinsam zu untersuchen. Ihr Wert hängt davon ab, ob daraus präzise Fragen und reproduzierbare Versuche entstehen. Für Mikroalgen können das Fragen nach Ausbeute, Stoffaufnahme oder veränderten Inhaltsstoffen sein. Für eine Anwendung beim Menschen wären andere Nachweise notwendig. Die hier beschriebenen Kulturstudien geben deshalb keine Frequenzempfehlung für eine persönliche Behandlung.
Wenn Sie entsprechende Berichte lesen, fragen Sie am besten nach dem konkreten Organismus, der Exposition und dem gemessenen Ergebnis. Prüfen Sie anschließend, ob die Schlussfolgerung auf derselben Ebene bleibt. So lässt sich biotechnologische Neugier bewahren, ohne aus einer Kulturbeobachtung ein allgemeines Heil- oder Ernährungsversprechen zu machen.
Frequenztherapie und Produktionsforschung getrennt betrachten
Die Parachlorella-Untersuchung zeigt, wie stark der beobachtete Effekt von den Kulturbedingungen abhängen kann. [4] Für die Bewertung ist deshalb nicht nur die Gigahertz-Zahl interessant, sondern auch, ob Wachstum, Pigmente oder Wasserstoffausbeute gemessen wurden. Eine Zahl ohne diesen Zusammenhang beschreibt das Experiment unvollständig.
Wird daraus ein Gesundheitsprodukt abgeleitet, kommen weitere Fragen hinzu: tatsächliche Zusammensetzung, Verfügbarkeit und Sicherheit beim Verzehr. Das Microalgae-Projekt untersucht genau solche Übergänge. [8] Die besondere Herstellung eines Produkts und sein nachgewiesener Nutzen für Menschen sind zwei unterschiedliche Aussagen.
Die Grenzen weitreichender Ernährungsversprechen erläutert Ernährungsversprechen kritisch prüfen.
Die verwendeten physikalischen Begriffe ordnet Schall und elektromagnetische Frequenzspektren unterscheiden in.
Sources and Further Information
- Tambiev und Skalny 2012: Electromagnetic Radiation and Life – Bioelementological Point of View. Abgerufen am 2026-10-29.
- NASA: Introduction to the Electromagnetic Spectrum. Abgerufen am 2026-10-29.
- Tambiev und Kirikova 2000: EHF radiation and metabolism of Spirulina and other photosynthetic organisms. Abgerufen am 2026-10-29.
- Originalarbeit 2020: Parachlorella kessleri, Wachstum und Wasserstoffausbeute bei51,8/53GHz. Abgerufen am 2026-10-29.
- Deamici et al. 2018: Magnetic field action on outdoor and indoor cultures of Spirulina. Abgerufen am 2026-10-29.
- Shao et al. 2018: Spirulina biomass production and cadmium biosorption. Abgerufen am 2026-10-29.
- EFSA 2023: Scientific opinion on the tolerable upper intake level for selenium. Abgerufen am 2026-10-29.
- Max Rubner-Institut: Microalgae, Bioverfügbarkeit und Sicherheit. Abgerufen am 2026-10-29.
- NIST: Watt als Einheit der Leistung. Abgerufen am 2026-10-29.
Themenübersicht: Forschung und Studien.




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